Ich möchte mich einreihen zu denjenigen, die Stellung beziehen zum Thema
Kindesmissbrauch. Nicht so ausschweifend, das tun sogenannte Experten ja schon
zur Genüge. Doch ein paar Worte dazu finde ich notwendig.
Kindesmissbrauch hat viele Gesichter. Gesichter von Vätern, Stiefvätern, Großvätern,
Onkeln, Freunden der Familien, flüchtigen Bekannten, Nachbarn, ja selbst die
Gesichter von Lehrern und Pfarrern. Diese Gesichter leben mitten unter uns,
teilweise ehrbare Familienväter oder einfach der Nette von Nebenan.
Die Opfer jedoch haben auch Gesichter, doch sie gleichen sich. Die selben
traurigen Augen, die selben vergossenen Tränen. Sie haben ihr ganzes Leben lang
zu leiden unter den seelischen und körperlichen Folgen des Missbrauchs. Und
dabei haben sie ihr ganzes Leben noch vor sich. Doch wie sieht dieses Leben aus
für die gequälten kleinen Menschen? Ein Leben voller Albträume und Misstrauen,
Depressionen und Angst.
Immer noch ist dieses Thema in unserer Gesellschaft ein Tabu, auch wenn heute
ein wenig offener und freier darüber geredet wird. Wie sonst ist zu erklären
dass immer mehr Missbrauchsfälle bekannt werden? Denn nicht die Zahl dieser Fälle
ist gestiegen sondern die Zahl derer die darüber endlich reden. Doch reicht
diese Zahl bei weitem nicht aus. Es gibt immer noch zu viel Schweigen. Es ist
peinlich, gerade wenn der Täter sich in der eigenen Familie findet. Darüber
spricht man nicht, damals wie heute herrscht diese Meinung immer noch vor. Und
wo sonst in unserem Land ein Zusammenhalten der Familie nicht mehr zu finden
ist, beim Kindesmissbrauch ist er in den meisten Fällen noch da. Mütter, Großmütter,
Tanten... sie schauen einfach weg. Die Familie, der Ruf, sie gilt es zu schützen.
Doch wo ist der Beistand und Schutz für die Opfer?
Wird ein Täter überführt und nach endlosen Ermittlungen vor Gericht gestellt
und verurteilt, was hat er dann zu erwarten? Eine gerechte Bestrafung für seine
Tat? Eine gerechte Bestrafung für das Leid, für das verpfuschte Leben, dass er
auf dem Gewissen hat? Ich sage NEIN! Wo ist gerecht, dass der Täter einen
Psychologen zur Seite gestellt bekommt, der Entschuldigungen für diese Tat
sucht und natürlich auch findet? Die ach so schlimme Kindheit und Jugend? Den
genetischen Defekt? Die Gründe für mildernde Umstände bei einer Verurteilung
sind so vielfältig wie die Gesichter der Täter. Doch gibt es für eine solche
Tat eine Entschuldigung?
Wo ist es gerecht, dass ein Täter nach der Verurteilung in einer Psychiatrie
untergebracht wird, wo er jede nur erdenkliche psychologische Betreuung und
Behandlung bekommt, die Opfer aber alleine gelassen werden und keinerlei Hilfe
bekommen? Wo ist es gerecht dass der Täter nach nur wenigen Monaten oder Jahren
als geheilt in die Freiheit entlassen wird, das Opfer aber für immer gefangen
bleibt in seinen Ängsten und im schlimmsten Falle wieder täglich mit seinem
Peiniger konfrontiert wird weil er in die Familie, in die Nachbarschaft, zurückkehren
darf? Wo ist es gerecht, dass von allen Seiten um Hilfe für die Täter gerufen
wird, um sie wieder auf den rechten Pfad der Tugend zu führen? Und wer
ruft um Hilfe für die Opfer, das erlebte Trauma zu verarbeiten außer den
Opfern selber? Und diese Hilferufe sind meistens stumm, kaum einer kann oder
will sie hören.
Darum auch zu diesem Thema nachfolgend einige Geschichten, Pressemeldungen und
Urteile, die eines zeigen: die Täter werden als Opfer gesehen, doch was sind
die wahren Opfer und welche Zukunft haben sie?
